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Freitag, 31. März 2006
Alles hat ein Ende ...

Unten im Amerika-Haus ist so ein ganz bescheidener Restpostenmarkt, der von einem alten Türken betrieben wird. Alles kostet 99 cent - ob das für die entsprechende Ware billig ist, oder nicht, scheint egal zu sein.

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Der Ladeninhaber scheint zu hoffen, dass die Kunden 99 cent ganz allgemein für wenig Geld halten und einfach wahllos scheußliche Dekorationsobjekte und Reinigungsmittel in ihre Einkaufskörbe schaufeln.
Es gibt natürlich auch einige Ausnahmen in der Preisgestaltung. Die Wahrnehmung wird fast magisch angezogen von den Dingen, denen von der eisernen 99-cent-Regel abzuweichen gestattet wurde.
Ein Paket mit mehreren Riesenrollen Klebeband ist dort für 1,99 zu haben (für diesen Preis ein Leben ohne die Frage habe ich eigentlich noch Klebeband? zu führen ist fast schon eine Überlegung wert) und ein paar kleine Klüngelgegenstände, für die das Klebeschildchen mit dem Betrag von 99 cent schon zu groß gewesen wäre und die allein deshalb weniger kosten dürfen.
Da ich nicht zu den Menschen gehöre, die einen fest eingespeicherten Katalog von Haushaltswaren und Lebensmitteln mitsamt deren ungefährem Preis im Kopf herumtragen, unterlasse ich es, etwas zu kaufen.
Mein Blick fällt auf einige längliche Dosen mit der Aufschrift Wiener Würstchen, unsortiert und ich frage mich kurz, ob da wohl ein Arbeitsplatz verloren gegangen ist, nämlich der Job der Person, welche in der Wurstfabrik die Würstchen zu sortieren hat. Der Ausbildungsberuf des Fleischereiprodukt-Klassifikators erscheint vor meinem inneren Auge und ist umgehend in Gefahr. Junge Menschen, die sich die Nächte mit dem Pauken von EU-Nahrungsmittelrichtlinien und -normlängen, Fleischfarbtabellen und Wurstzipfelformen um die Ohren geschlagen haben, müssen nun um ihre Zukunft bangen.
Und das alles, weil Frau und Herr Normalverbraucher, ihre Ösi-Brät-Tentakel im Naturdarm mittlerweile mit jener Scheißegaleinstellung konsumieren, die das gesamtgesellschaftliche Abgleiten in die Moral-, Ziel- und Bedeutungslosigkeit befürchten lässt?
Ich sehe Fachverbandsvorsitzende und industrielle Fleischfabrikanten in Talk-Runden sitzen, wie sie über ihre grotesk verfetteten Leiber streichen und Argumente bemühen, die in etwa so lauten: "Der Kunde will aber noch billigere Wiener Würstchen haben und in Zeiten der Globalisierung können wir uns das grobe Vor- und das anschließende Feinsortieren nicht mehr erlauben. Da kommt dann nämlich der Koreaner oder der Taiwanese und ringt uns Marktanteile in zweistelligen Größenordnungen ab. Dann können wir nämlich dichtmachen." Und auch, wenn der völlig überforderte Jungmoderator im späten Mittagsprogramm des öffentlich-rechtlichen Senders bereits den Tränen nahe ist, setzen die feisten Fleischmafiosi noch einmal nach: "Wir würden auch gern frisches Fleisch verwenden. Glauben sie nicht, dass wir Freude empfänden mit anzusehen, wie da die ranzigen Schwarten und stichigen Rinderhälften in der chemischen Aromabeize wieder gesundgefärbt werden. Wir würden viel lieber romantische Schlachtfeste veranstalten, mit jungen Frauen und kräftigen Jünglingen, die im Schweiße ihres Angesichtes Schweine und Rinder zu Boden ringen und ihnen warme, dampfende Fleischbrocken aus dem Leib reißen. Aber der Kunde will ja seine Wiener Knackwürste für 99 cent haben. DA HABEN WIR KEINE ANDERE WAHL". Da meldet sich ein junger Philosoph im Publikum, um eine Frage zu stellen. Aber die Sendung muss leider abgebrochen werden, weil der Moderator eine beunruhigende Gesichtsfärbung entwickelt hat und sich konvulsiv zu schütteln beginnt.
Ich wäre jedenfalls bereit, für eine Dose Würstchen neun cent mehr zu bezahlen, wenn sie dann wenigsten ordentlich sortiert daherkämen und nicht wie die Ergebnisse illegaler Mutationsexperimente mit Regenwürmern aussähen.
Ich habe jedenfalls keine unsortierten Wienerwürstchen gekauft, zumal ich nach meiner radikalen Ernährungsumstellung so gut wie gar kein Fleisch mehr esse, von diesen Schlachtabfallentsorgungsdödeln mal ganz zu schweigen.

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